Cover des Podcasts „Wortwissen“: Kommunikation verstehen. Für mehr Miteinander.

Podcast · Paare · Wortwissen

Scham in Beziehungen – wenn wir uns verstecken, obwohl wir Nähe brauchen

Warum kann es ausgerechnet gegenüber dem Menschen, dem wir am nächsten sind, besonders schwer sein, etwas Beschämendes zu erzählen?

Shownotes

Schuld und Scham liegen häufig nah beieinander, sind aber nicht identisch. Schuld richtet die Bewertung stärker auf eine tatsächliche oder vermeintliche Handlung: „Ich habe etwas Falsches getan.“ Scham kann dieselbe Situation auf die eigene Person beziehen: „Was sagt das über mich aus?“ Deshalb können Schuld und Scham nach demselben Fehler gleichzeitig auftreten.

In dieser Folge von Wortwissen geht es darum, wie Scham, Schuld, Bindung und Geheimhaltung unsere Kommunikation in Paarbeziehungen beeinflussen – und warum das Zurückhalten eines Geheimnisses mit der Zeit selbst zu einem zusätzlichen Problem werden kann.

In dieser Folge

  • warum Schuld und Scham unterschieden werden sollten, aber gleichzeitig auftreten können,
  • warum die Bedeutung des Partners Offenheit paradoxerweise erschweren kann,
  • wie die Angst entsteht, nach einer Offenlegung anders gesehen oder bewertet zu werden,
  • warum ein zunächst kleines Verschweigen mit der Zeit eine immer größere Offenbarungshürde erzeugen kann,
  • was Forschung unter Geheimhaltung und self-concealment versteht,
  • warum „Doppelleben“ hier ein anschauliches Bild, aber kein präziser wissenschaftlicher Fachbegriff ist,
  • wie gedankliche Beschäftigung, Unterdrückung und Angst vor Entdeckung die Belastung eines Geheimnisses verstärken können,
  • und wie sich daraus Rückzug, Misstrauen und eine Schamspirale in der Kommunikation entwickeln können.

Kerngedanke

Gerade weil uns der Blick unseres Partners besonders wichtig ist, kann es schwer sein, etwas zu offenbaren, für das wir uns schämen. Je länger wir es zurückhalten, desto mehr kann neben dem ursprünglichen Thema auch das Verschweigen selbst zum Problem werden.

Weiterdenken

Vielleicht lohnt es sich, bei einem schwer aussprechbaren Thema nicht nur zu fragen: „Warum sage ich es nicht?“ Sondern auch: „Wovor habe ich Angst, wenn dieser Mensch es über mich weiß?“

Und wenn die vollständige Offenlegung noch zu schwer erscheint, kann manchmal bereits ein erster Satz Verbindung schaffen:

„Es gibt etwas, das ich dir sagen möchte. Aber ich habe Angst davor, wie du mich danach siehst.“

Wortwissen – ein Podcast des Denkräume-Verlags.

Quellen & weiterführende Links

  1. Tangney, J. P. (1991). Moral affect: The good, the bad, and the ugly. Journal of Personality and Social Psychology, 61(4), 598–607. DOI: 10.1037/0022-3514.61.4.598. – Grundlegende Arbeit zur Unterscheidung selbstbezogener Emotionen wie Schuld und Scham. Zur Quelle (öffnet in neuem Tab) ↗
  2. Tangney, J. P., Stuewig, J. & Mashek, D. J. (2007). Moral emotions and moral behavior. Annual Review of Psychology, 58, 345–372. DOI: 10.1146/annurev.psych.56.091103.070145. – Überblick zu Schuld und Scham; dieselben negativen Ereignisse können unterschiedliche selbstbezogene Bewertungen und Emotionen auslösen. Zur Quelle (öffnet in neuem Tab) ↗
  3. Frediani, G. & Migerode, L. (2024). Seeking connection can trigger shame loops in couples: An attachment-based understanding. Family Process, 63(1), 34–47. DOI: 10.1111/famp.12888. – Beschreibt Schamschleifen in Paarbeziehungen und das Paradox, dass Versuche, Verbindung herzustellen, Scham aktivieren können. Zur Quelle (öffnet in neuem Tab) ↗
  4. Black, R. S. A., Curran, D. & Dyer, K. F. W. (2013). The impact of shame on the therapeutic alliance and intimate relationships. Journal of Clinical Psychology, 69(6), 646–654. DOI: 10.1002/jclp.21959. – Untersucht Zusammenhänge zwischen Schambewältigung und dem Funktionieren intimer Beziehungen. Zur Quelle (öffnet in neuem Tab) ↗
  5. Slepian, M. L., Chun, J. S. & Mason, M. F. (2017). The experience of secrecy. Journal of Personality and Social Psychology, 113(1), 1–33. DOI: 10.1037/pspa0000085. – Zeigt, dass die Belastung von Geheimnissen nicht nur aus aktivem Verbergen entsteht, sondern wesentlich aus wiederkehrender gedanklicher Beschäftigung mit dem Geheimnis. Zur Quelle (öffnet in neuem Tab) ↗
  6. Slepian, M. L. & Moulton-Tetlock, E. (2019). Confiding secrets and well-being. Social Psychological and Personality Science, 10(4), 472–484. – Forschung zu Geheimnissen, Offenlegung und psychischem Erleben; relevant für die Unterscheidung zwischen Geheimhaltung, gedanklicher Belastung und Vertrauen.
  7. Uysal, A. et al. (2020). Research on romantic-partner secrecy and fear of discovery. – Befunde zeigen Zusammenhänge zwischen Angst vor Entdeckung, stärkerer gedanklicher Beschäftigung mit dem Geheimnis sowie geringerer Beziehungszufriedenheit und geringerem Commitment.
  8. Research on secrecy in romantic relationships (2023). Longitudinal findings on anticipated relational consequences of disclosure, thought suppression and preoccupation with secrets. – Angst vor negativen Beziehungsfolgen einer Offenlegung kann Unterdrückungsversuche und gedankliche Beschäftigung mit dem Geheimnis verstärken; diese Prozesse stehen wiederum mit negativem Affekt und Schuld in Zusammenhang.
  9. Research on sexual secrets in romantic relationships (2021). – In einer Untersuchung waren Offenlegungen sexueller Geheimnisse häufig mit neutralen oder positiven Beziehungsfolgen verbunden; das Zurückhalten war mit geringerer Beziehungszufriedenheit assoziiert. Dies belegt nicht, dass Offenlegung immer sinnvoll oder folgenlos ist, relativiert aber die Annahme, Offenlegung müsse zwangsläufig eine Beziehung schädigen.